Im Reich der Adlerjäger

Bei den letzten Adlerjägern der Mongolei lebt eine jahrhundertealte Tradition weiter.

Die Sonne steht tief über den schneebedeckten Gipfeln des Altai-Gebirges, als Khairatkhan den ledernen Handschuh überstreift. In seiner kräftigen Hand sitzt der Steinadler, das Symbol einer uralten Kultur, die in der westlichen Mongolei noch immer weiterlebt. Der Wind weht kühl über das weite Tal. Kein Geräusch, nur das Rascheln der Federn, als der Vogel seine Schwingen ausbreitet. „Er spürt alles“, sagt Khairatkhan leise. „Wenn ich nervös bin, ist er es auch.“ Khairatkhan gehört zu den letzten echten Adlerjägern der Mongolei. Eine Stunde westlich von Ölgii, nahe der Grenze zu Kasachstan, lebt er mit seiner Frau in einem schlichten Steinhaus, umgeben von Pferden, Ziegen und der endlosen Weite der Steppe. Zwei Nächte dürfen wir in dieser uns völlig fremden Welt zu Gast sein, um in eine faszinierende Kultur einzutauchen, die wir bisher nur aus Büchern kannten.

Schon wenige Minuten nach unserer Ankunft wird der Tisch erstmal reich gedeckt: dampfender Milchtee, Kekse, Brot, Butter, getrocknete Milch und hausgemachter Käse in den unterschiedlichsten Varianten. Gastfreundschaft ist hier – wie überall in der Mongolei – selbstverständlich. Wer eintritt, wird behandelt wie ein Teil der Familie. Erst als wir Zeit haben, uns in dem kleinen Raum umzusehen und uns all die Fotos auffallen, wird uns klar, dass es kein Unbekannter ist, bei dem wir hier sitzen. Khairatkhan war Teil des mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilms „Kiran over Mongolia“, der 2009 erschienen ist.

Khairatkhan war Teil der Dokumentation “Kiran over Mongolia” und ist hier heute eine Legende.

Kasachische Minderheit

Khairatkhan ist Kasache. Im äußersten Westen der Mongolei, im Bayan-Ölgii-Aimag, bilden die Kasachen die Mehrheit – eine muslimische Minderheit in einem überwiegend buddhistischen Land. Ihre Sprache, ihre Musik und ihre Bräuche unterscheiden sich deutlich vom Rest des Landes. Das Wissen um die Jagd mit Steinadlern gehört zu ihren ältesten kulturellen Schätzen.
„Mein Vater war Adlerjäger, und sein Vater vor ihm“, erzählt Khairatkhan. „Wir lernen, den Adler zu verstehen, nicht ihn zu beherrschen.“ Noch heute sind rund 300 Adlerjäger in der Region aktiv, fast alle Männer. Doch langsam ändert sich das Bild. Inzwischen haben auch einige junge Frauen begonnen, die Kunst zu erlernen. Die meisten erlernen die Tradition allerdings nur noch, um für die Touristen zu posieren und damit Geld zu verdienen. Khairatkhan selbst sieht das entspannt. Er freut sich, wenn er der Jugend seine Tradition weitergeben kann. Die Beweggründe sind für ihn nebensächlich.

Das schlichte Steinhaus des Adlerjägers befindet sich mitten im Nirgendwo. Ohne Kontakte ist es eher nicht zu finden.

Schließlich führt uns Khairatkhan zum ersten Mal zu seinem Adler. Der riesige Vogel sitzt ruhig, hat die Haube über dem Kopf, und lässt sich nur von der Stimme seines Besitzers leiten. Erst als Khairatkhan ihm die Ledermütze abnimmt, blitzt der scharfe und hoch konzentrierte Blick des Greifs auf. Dann spannt sich sein Körper an, als wolle er sofort abheben. „Er ist immer bereit“, sagt Khairatkhan.

Bereit für die Jagd

Wir sind neugierig und wollen hautnah miterleben, wie eine Adlerjagd aussieht – also organisieren wir uns Pferde und brechen am nächsten Morgen gemeinsam mit Khairatkhan auf. Drei- bis viermal pro Woche muss der Adler fliegen, um im Training zu bleiben, erzählt uns der stolze Kasache, der sich für unseren Ausflug in seine traditionelle Kleidung aus Pelz geworfen hat. Wie man sich inszeniert, das weiß er und auch, wie man für die Kamera posiert. Mit dem Adler auf dem Arm reiten wir schließlich hinaus in die offene Landschaft. Wir sind zwiegespalten. Wollen einerseits in die Kultur eintauchen, andererseits aber eigentlich nicht ernsthaft einen Fuchs, ein Murmeltier oder gar einen Wolf erwischen.

Und so steigen wir mit unseren Pferden immer höher über das Geröll in Richtung Gipfel. Immer wieder hält Khairatkhan an, steigt von seinem Pferd und späht mit seinem Fernglas in die Weite. Es bleibt ruhig. „Füchse zu jagen ist nicht leicht“, erzählt er und ergänzt: „Letztes Jahr ist es mir neun Mal gelungen.“ Wir bekommen trotzdem einen Einblick in die Jagd. Als wir den Gipfel erreichen und der Blick auf die spektakuläre Landschaft frei wird, nimmt der Kasache seinem Tier die Haube schließlich ab, setzt es auf den Fels und reitet hinunter ins Tal.

Mit einem lauten „Rah, rah!“ ruft er seinen Vogel und hält ein Stück rohes Fleisch in die Luft. Und tatsächlich, das wunderschöne Tier breitet seine Flügel aus und erhebt sich in den Himmel, um seine Runden in kompletter Freiheit zu drehen. Erneut ertönt der Ruf seines Besitzers. Kurz und laut. Ich frage mich, ob der Vogel nicht lieber die Gelegenheit nutzt, seine Freiheit zurückzubekommen, aber die Bindung ist zu stark. Er landet zielstrebig wieder auf Khairatkhans Arm und frisst gierig seine Belohnung. „Wir leben fünf Jahre zusammen“, erzählt der Adlerjäger. „Dann lasse ich ihn frei. Er muss sich vermehren, sonst endet seine Linie.“ Wenn die Zeit gekommen ist, steigt er mit seinem Vogel in die Berge, löst das Band und sieht zu, wie der Adler davonfliegt. „Das ist manchmal schwer“, sagt er, „aber es ist notwendig.“

Als Belohnung nach der Landung und zum Anlocken gibt es für den Adler ein rohes Stück Fleisch.

Kiran over Mongolia

Nach dem traditionellen üppigen Abendessen holt Khairatkhan eine alte DVD hervor. Auf dem kleinen, in die Jahre gekommenen Röhrenfernseher schauen wir uns gemeinsam „Kiran over Mongolia“ an. Zwischendurch beobachte ich ihn dabei. Er schaut konzentriert, manchmal lächelt er, manchmal schweigt er lange. „Ich war jung damals“, sagt er schließlich. „Heute kommen Menschen von überall her, um uns zu sehen. Das ist gut so, es erhält unsere Tradition.“ Auch uns wird diese ganz besondere Begegnung für immer in Erinnerung bleiben.

 

Adlerfeste im Westen der Mongolei

Jedes Jahr im Herbst versammeln sich Dutzende Adlerjäger mit ihren Vögeln zu den traditionellen Adlerfesten – den Höhepunkten im Jahreslauf der kasachischen Gemeinschaft. Das bekannteste findet Anfang Oktober in Ölgii statt, kleinere Feste gibt es in Altai und Sagsai. In prachtvollen Pelzgewändern treten die Jäger gegeneinander an: Wessen Adler folgt dem Ruf am schnellsten, wessen Vogel landet am präzisesten auf dem Arm? Neben den Wettbewerben gibt es Reitrennen, Musik und Tanz. Für viele jüngere Kasachen ist es weniger ein Wettkampf als ein Symbol ihrer kulturellen Identität. Seit 2010 gehört die Kunst der Adlerjagd zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe.

Achtung: Wer das große Adlerfest besuchen möchte, muss rechtzeitig buchen denn die Flüge von Ulaanbaatar nach Ölgii sind teilweise bereits Monate im Voraus gebucht und die Fahrt mit dem Bus ist mühsam. Alternativ kann man einen Mietwagen nehmen. Was es dabei zu beachten gibt und wie lange die Fahrt dauert, lest ihr in unserem Post “Als Selbstfahrer durch die Mongolei”.

Doch auch wer nicht direkt zum großen Adlerfest kommt, kann die Jäger mit großer Wahrscheinlichkeit in Action erleben. Am besten fragt man bei den Leuten vor Ort oder in Facebookgruppen einfach ein bisschen rum. Wir hatten beispielsweise Glück und bekamen den Tipp, dass einige junge Kasachen gerade für das große Fest trainieren. Sie zu finden war etwas abenteuerlich, schlussendlich war das Erlebnis aber noch viel authentischer als die inszenierten großen Feste.

 

Ölgii: Das Tor zu einer anderen Welt

Ölgii liegt inmitten des Altai-Gebirges. Die Anreise mit dem Auto ist spektakulär.

Wer in die westlichste Provinz der Mongolei reist, landet meist in Ölgii. Die kleine Hauptstadt des Bayan-Ölgii-Aimags liegt eingebettet zwischen den Bergen des Altai und ist das kulturelle Zentrum der kasachischen Minderheit im Land. Die Anreise mit dem Auto erfolgt - je nachdem woher man kommt - über lange Offroad-Pisten. Vor allem sollte man beachten, dass es in dieser Region mehrere Orte mit dem Namen Ölgii gibt. Einheimische verstehen welches gemeint ist indem man den Namen Bayan-Ölgii sagt, auf der Karte sollte man sich an die Stadt mit dem Flughafen halten um nicht aus Versehen woanders hin zu navigieren.

 

Nützliche Tipps und Infos

Anreise Ölgii erreicht man entweder mit dem Flugzeug ab Ulaanbaatar (Achtung, früh buchen), mit dem Bus (die Fahrt dauert zwei Tage, allerdings sind die Mongolen sehr zivilisierte Passagiere) oder mit dem Mietwagen.
Unterkunft Wir haben im Makhsum Hotel & Restaurant übernachtet. Das ist weit entfernt von Luxus aber es war eine leistbare und saubere Alternative mitten im Zentrum. Wir sind einfach spontan hingefahren und haben nach einem Zimmer gefragt. Sie sind etwas unterschiedlich, also am besten vorher anschauen.
Frühstück Leckeren Café gibt es gleich um die Ecke vom Makhsum Hotel im 57 Coffee House. Von außen sieht man das Café nicht wirklich. Einfach durch die unscheinbare Tür neben dem kleinen Shop gehen und in den ersten Stock hochgehen.
Adlerjäger Wer die Adlerjäger sehen möchte, kann entweder eines der Festivals in der Region besuchen oder über eine Agentur einen Besuch organisieren. Viele Adlerjäger erlernen die Tradition heutzutage nur noch für die Touristen. Mit etwas Recherche kann man aber auch noch authentische Adlerjäger finden. In diversen Facebook-Gruppen wie Travel Mongolia kann man nach Tipps fragen und bekommt auch rasch Antworten und Angebote. Meistens werden extrem teure Touren in Gruppen angeboten, die rund sieben Tage dauern und um die 2000 Euro kosten. Wir konnten über einen Kontakt für zwei Tage bei Khairatkhan bleiben und hätten auch in seinem sehr schlichten Haus direkt neben den beiden Gastgebern auf der Couch übernachten können, haben allerdings bevorzugt, die Nacht in unserem Dachzelt zu verbringen. Bei den angegebenen Preisen sollte man unbedingt handeln. Wir haben innerhalb von Minuten statt dem vollen Preis nur die Hälfte bezahlt und auch das war eigentlich noch recht viel. Wer Wert auf Komfort legt, besucht die Adlerjäger besser nur im Rahmen einer Tagestour. Um schöne Fotos zu machen reicht das im Grunde. Wir haben uns zusätzlich Pferde organisiert um selbst mitzureiten.


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